Tagesschau
30. September 2020 aktualisiert um 06:32
Politik und Institutionen

Deutschland

War Angela Merkel ein Stasi-Spitzel?

Im Internet kursieren unzählige Gerüchte über Merkels Stasi-Vergangenheit. Belege gibt es dafür allerdings keine.
Quelle © Ansafoto Merkel hat ihre Stasi-Akte nie veröffentlicht
Merkel hat ihre Stasi-Akte nie veröffentlicht
Sind es allesamt Fake News über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel oder beruhen die Vorwürfe auf Tatsachen, wonach Merkel als junge Frau für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gearbeitet hat? Und zwar unter dem Decknamen "IM Erika". Allein die Suchmaschine Google verzeichnet dazu mehr als 92000 Einträge.

Dürftige Quellenlage

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat den Historiker und ehemaligen Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, um eine Einschätzung gebeten. Und der stellt sofort klar, dass keine Dokumente vorliegen, die Angela Merkel als Stasi-Informantin ausweisen. Wenn es keine "IM-Akte Merkel" gibt, heißt das aber nicht, dass es nie eine gegeben hat. In den Wochen der friedlichen Revolution hat die Stasi bekanntlich Akten im großen Stil beseitigt.

Stasi wollte Merkel anwerben

Angela Merkel hat selbst davon berichtet, dass die Stasi sie 1978 anwerben wollte. Sie habe aber abgelehnt. Der Staatssicherheitsdienst führte über diese Vorgänge genauestens Buch. Doch wer diese Dokumente einsehen will, braucht laut Gesetz die Zustimmung der betroffenen Person. Merkel hat aber nie zugestimmt, dass ihre Stasi-Akte veröffentlicht wird. Das hat die Gerüchteküche möglicherweise angeheizt. 

Verdächtige Auslandsreisen?

Merkel werden auch verschiedene Auslandsreisen vorgehalten, darunter 1986 und 1989 in die Bundesrepublik. Aus diesen Reisen wird der Schluss gezogen, dass sie mit der Stasi kooperiert haben müsse. Westreisen waren in der DDR tatsächlich ein großes Privileg. Merkels private Reisen fielen allerdings in eine Zeit, in der die DDR-Behörden die Reisemöglichkeiten gerade stark ausweiteten. Ein Beleg für eine Tätigkeit als Stasi-Spitzel ergibt sich laut Knabe jedenfalls nicht.

Belastende Polenreise?

Anlass zu Spekulationen geben auch Merkels Reisen nach Polen Anfang der 1980er Jahre. Bei ihrer letzten Rückreise fand der DDR-Zoll bei Merkel einige Unterlagen der unabhängigigen polnischen Gewerkschaft "Solidarnosc". Über den Vorfall wurde zwar eine Meldung an die Stasi-Zentrale geschickt, doch Nachteile erwuchsen Merkel daraus offenbar nicht. Knabe leitet aber auch daraus keine Tätigkeit für die Stasi ab.

Mitgliedschaft bei FDJ

Angela Merkel war seit ihrer Jugend bei den Pionieren der "Freien Deutschen Jugend" FDJ, wie die allermeisten DDR-Schüler. Sie begründete dies in einem Interview mit dem Journalisten Günter Gaus 1991 mit den gemeinsamen Unternehmungen und "70 Prozent Opportunismus". Während der Studienjahre sei sie "Kulturbeauftragte" am Institut gewesen. Ein Beleg für eine Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst ist ihre FDJ-Mitgliedschaft laut Knabe ebenfalls nicht.       

Mehr Transparenz

Der Historiker Hubertus Knabe kommt zum Schluss, dass man Merkel vorwerfen kann, dass sie als Bundeskanzlerin nicht wirklich offen über ihre DDR-Vergangenheit spricht. So könne sie mit der Veröffentlichung ihrer Stasi-Akten für Transparenz sorgen und Gerüchten den Wind aus den Segeln nehmen. Doch das liege allein ihrer Hand.
(gr)
 
 

					

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