Tagesschau
28. Februar 2020 aktualisiert um 21:30
Chronik

Fall Kuhn

Betroffene Künstlerinnen: "Wir sind endlich rehabilitiert"

In einer Stellungnahme gegenüber Rai Südtirol reagieren nun erstmals die Sängerinnen der Festspiele Erl auf das Gutachten der Gleichbehandlungskommission: „Fühlen uns erleichtert und bestätigt."
Quelle © voice.it!  Die ehemaligen Sängerinnen von Erl mit Elisabeth Kulmann von der Initiative art but fair
Die ehemaligen Sängerinnen von Erl mit Elisabeth Kulmann von der Initiative art but fair
Nach dem Urteil der österreichischen Gleichbehandlungskommission zu den Vorwürfen sexueller Belästigung durch den langjährigen künstlerischen Leiter der Tiroler Festspiele Erl Gustav Kuhn melden sich nun erstmals die betroffenen fünf Künstlerinnen zu Wort. Auf Anfrage von Rai Südtirol schreibt die Schweizer Sopranistin Mona Somm „für die Gruppe der betroffenen Frauen“: „Wir fühlen uns erleichtert, bestätigt und endlich rehabilitiert. Es war eine unbeschreibliche Belastung, was wir an Unterstellungen und Verleumdungen in den letzten eineinhalb Jahren durchgemacht haben, bis offenbar unsere konkreten Angaben jetzt endlich eine Bestätigung erfahren haben“.

„Es war eine unbeschreibliche Belastung.“

Mona Somm, Schweizer Opernsängerin, im Namen der betroffenen Künstlerinnen 
Die beim Bundeskanzleramt angesiedelte österreichische Gleichbehandlungskommission hat kürzlich als erste unabhängige Einrichtung die von Kuhn stets bestrittenen Vorwürfe der betroffenen Frauen für glaubwürdig befunden. Es liege „sexuelle Belästigung vor“, schreibt die Kommission. „Die Verhaltensweisen haben die subjektive Grenze der betroffenen Frauen überschritten und waren für sie unerwünscht“, heißt es in dem Gutachten, das der Geschäftsführung der Festspiele Erl zugestellt wurde. Die Kommission hatte in ihrem Verfahren die Künstlerinnen, Zeugen und Zeuginnen sowie Gustav Kuhn ausführlich befragt und auch relevante öffentliche Äußerungen und Dokumente als Grundlage herangezogen.

Die Festspiele selbst haben sich im August letzten Jahres an die Gleichbehandlungskommission gewandt, um die Vorwürfe der Künstlerinnen prüfen zu lassen. Gustav Kuhn ist zunächst bis zur Prüfung der Vorwürfe als künstlerischer Leiter und Dirigent suspendiert, schließlich entlassen worden.

Zuvor hatte der Tiroler Blogger Markus Wilhelm im Februar 2018 auf „dietiwag.org“ erstmals anonymisierte Vorwürfe sexueller Belästigung durch Gustav Kuhn veröffentlicht. Am 25. Juli 2018 gingen dann die Sopranistin Mona Somm aus der Schweiz, die Sopranistin Bettine Kampp aus Deutschland, die Mezzosopranistin Julia Oesch aus Deutschland und die aus Albanien stammende, in Italien wohnhafte Violinistin Ninela Lamaj mit einem Offenen Brief auch namentlich an die Öffentlichkeit: Darin warfen sie Kuhn konkrete „sexuelle Übergriffe“ und „Machtmissbrauch“ vor.  Zudem hatte die österreichische Sopranistin Manuela Dumfart im September 2018 im ORF-Magazin „Report“ Vorwürfe gegen Kuhn erhoben. Kuhn beziehungsweise sein Anwalt Michael Krüger haben die Vorwürfe stets bestritten.

„Ein Gutachten der Gleichbehandlungskommission hat hohen Stellenwert.“

Christine Baur, Ombudsfrau der Festspiele Erl 
Nach dem nun vorliegenden Gutachten betont die Anwältin der Künstlerinnen Petra Smutny gegenüber Rai Südtirol, dass die Vorwürfe ihrer Mandantinnen „nun erstmals von einer offiziellen Stelle anerkannt“ worden seien. Die Ombudsfrau der Festspiele Erl Christine Baur, ehemals Gleichbehandlungsanwältin für Westösterreich, hat im Mittagsmagazin von Rai Südtirol unterstrichen, dass ein Gutachten der Gleichbehandlungskommission hohen Stellenwert habe. Die Gleichbehandlungsanwaltschaften in Österreich seien als niederschwellige Anlaufstelle für Betroffene geschaffen wurden, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung, dass der Gang vor Gericht bei sexualisierter Gewalt oft ein schwieriger Weg sei. 

Tirols Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) zeigt sich über die Vorfälle „sehr betroffen“. Palfrader betont auf Anfrage, dass die Entlassung Kuhns seitens der Festspiele-Stiftung vor allem durch ihr „konsequentes Einfordern“ im Vorstand erfolgt sei. Und dass es nun darum gehe, ein Arbeitsfeld des Vertrauens und des Respekts sicher zu stellen.

"Das Erkenntnis der Gleichbehandlungskommmission wird von uns nicht anerkannt."

Michael Krüger, Anwalt von Gustav Kuhn
Abweisend ist die Reaktion von Gustav Kuhn selbst. Sein Anwalt Michael Krüger, teilt mit: "Das Erkenntnis der Gleichbehandlungskommission wird von uns nicht anerkannt“. Eine Reaktion des Stiftungspräsidenten der Festspiele Hans Peter Haselsteiner liegt noch nicht vor.

Justizministerium entscheidet über Anklageerhebung

Das Gutachten der Gleichbehandlungskommission hat keine unmittelbare rechtliche Konsequenz. Allerdings kann es als Beweismittel bei Gericht vorgebracht werden. Im parallel laufenden Strafverfahren hat die Staatsanwaltschaft Innsbruck mittlerweile die Ermittlungen abgeschlossen. Da es sich um eine Angelegenheit von höherem öffentlichem Interesse handelt, wurde das Ermittlungsergebnis an das Justizministerium übermittelt. Ob die Staatsanwaltschaft eine Anklage erwäge oder nicht, ist derzeit nicht bekannt. Die Entscheidung liegt beim Justizministerium.

(bs)
 
 
 
 
 
 
 
 

					

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