Tagesschau
06. Februar 2023 aktualisiert um 07:42
Gesundheit

Südtirol

"Ich habe darauf hingewiesen, dass ich kein Italienisch spreche"

Vor seiner Eintragung in die Ärztekammer sei er nie dazu aufgefordert, eine Bestätigung über seine Italienischkenntnisse zu bringen, sagt Primar Thomas Müller. Die Kommunikation im Krankenhaus laufe reibungslos.
Quelle © Rai Tagesschau

Der 55-jährige Primar des Zentrallabors am Bozner Krankenhaus Thomas Müller wurde aus dem Berufsverzeichnis der Ärzte gestrichen, weil er nicht Italienisch spricht. In dieser Woche ist der  Fall zu einem Politikum geworden, alle deutschsprachigen Landtagsabgeordneten haben einen Antrag unterzeichnet, nach dem Deutsch ausreichen soll, um in Südtirol als Arzt arbeiten zu dürfen. Eine Woche lang war der "Fall Müller" jetzt Thema. Jetzt spricht der Primar selbst.

Rai Südtirol: Herr Dr. Müller, hätten Sie damit gerechnet, dass Sie nach einem Jahr schon so bekannt sind?
Thomas Müller:
 Ich habe am 1. März 2018 hier meinen Dienst angetreten und schon Ende 2017 begonnen, mich für die Südtiroler Ärztekammer zu interessieren und mich da auch eintragen zu lassen. Dass jetzt, anderthalb Jahre danach, diese gesamte Sache über mich hinwegkommt, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. 

"Eine Streichung aus dem Ärzteverzeichnis würde für mich einem Berufsverbot in Südtirol und in Italien gleichkommen."

Warum haben Sie mit dem Gedanken gespielt, sich in die Südtiroler Ärztekammer eintragen zu lassen? War diese Stelle ausgeschrieben?
Diese Stelle ist vakant geworden, nachdem mein Vorgänger nach Graz gegangen ist. Diese Stelle hat mich persönlich sehr interessiert, ich war in Österreich als ärztlicher Leiter tätig und damit schon fast mehr Manager als Arzt. Mich hat die Stelle hier also sehr gereizt. Damit man in einem Staat, in einem Land aber den Arztberuf ausüben kann, ist es notwendig, dass man sich in eine Ärztekammer eintragen lässt. Das ist der entscheidende Punkt. Eine Streichung aus dem Ärzteverzeichnis würde für mich einem Berufsverbot in Südtirol und in Italien gleichkommen. 

Aber diese Ärztekammer hat Sie ja in ihr Verzeichnis aufgenommen. Wurden Sie vor der Aufnahme nach Ihren Italienischkenntnissen gefragt?
Aktiv wurde ich bei der Ärztekammer im Zuge des Einschreibeprozesses nicht danach gefragt. Wie für jeden anderen EU-Bürger hatte ich alle notwendigen Dokumente in Übersetzung beizubringen und die nötigen Gebühren zu zahlen. Ich wurde von der Ärztekammer nie dazu aufgefordert, eine Bestätigung über meine Italienischkenntnisse zu bringen. Eigentlich ganz im Gegenteil: Ich habe des Öfteren darauf hingewiesen, dass ich kein Italienisch spreche, sondern dass ich mir erst im Laufe meiner beruflichen Aktivitäten hier Basiskenntnisse aneignen muss. Für mich war das aber gar nicht so erstaunlich: Ich habe mich ja in Bozen beworben und nicht in Florenz oder in Rom.

 "Ich habe des Öfteren darauf hingewiesen, dass ich kein Italienisch spreche, sondern dass ich mir erst im Laufe meiner beruflichen Aktivitäten hier Basiskenntnisse aneignen muss."

Wann wurde Ihnen von Seiten der Ärztekammer dann mitgeteilt, dass man Sie ausschließen möchte? 
Ich habe von der Ärztekammer eine Nachricht erhalten, dass es notwendig wäre, meine Italienischkenntnisse zu überprüfen und bin dann auf die Ärztekammer gebeten worden, die meine Sprachkenntnisse überprüfte. Ich bin da also vor einer Kommission gesessen. Bei der Akteneinsicht konnte ich jetzt feststellen, dass mir die Vorsitzende dieser Kommission ein ganz gutes passives Italienischverständnis bescheinigt hat, gesprochen habe ich aber nicht. Ich war da auch erst ein Jahr in Bozen. Mein erstes Bestreben war es, Italienisch zu verstehen. Heute kann ich Unterhaltungen auf Italienisch im labormedizinischen Kontext folgen, ich bin aber noch nicht in der Lage, aktiv zu kommunizieren.

Wie verständigen Sie sich dann mit den italienischsprachigen Patienten?
Der Labormediziner ist in den Behandlungs- und Diagnoseprozess an sich nicht integriert, sondern ist den klinisch tätigen Ärzten bei der Diagnose und Therapie behilflich. Das heißt, meine Aufgabe ist es, mit den jeweiligen Ärzten und Abteilungsleitern zu kommunizieren. Ein direkter Kontakt mit Patienten ist für einen Labormediziner nicht vorgesehen.

"Mein erstes Bestreben war es, Italienisch zu verstehen. Heute kann ich Unterhaltungen auf Italienisch im labormedizinischen Kontext folgen, ich bin aber noch nicht in der Lage, aktiv zu kommunizieren."


Wie kommunizieren Sie aber mit den Kollegen im Haus und mit Ihren 60 Mitarbeitern?
Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen. Von meinen 60 Mitarbeitern ist ein Großteil italienischsprachig. Die Kommunikation in die eigene Mannschaft ist wichtig, und die funktioniert ohne Probleme. Bei internen Besprechungen fordere ich meine Mitarbeiter auch dazu auf, Italienisch zu sprechen. Da ist für mich natürlich auch ein gewisser Lerneffekt dabei. Was im labormedizinischen Kontext gesprochen wird, verstehe ich aber ziemlich gut. Die Kommunikation nach außen verläuft zweisprachig. 

"Mein achtjähriger Sohn hat vor Kurzem gesagt, er ist jetzt im Südtirol, er möchte in Südtirol bleiben. Und wenn es wirklich notwendig sein sollte, dann wird er hier um Asyl ansuchen."

Sie haben Ihre Mitarbeiter angesprochen. ​Wie reagieren Ihre Mitarbeiter auf die Entscheidung der Ärztekammer und auf Ihr mögliches Dienstende?
Meine Mitarbeiter waren großartig. Sie haben ein Schreiben an die Generaldirektion geschickt, in dem sie sinngemäß sagen, dass sie hinter mir stehen und dass sie den Primar Müller gern behalten möchten. Für diesen Rückhalt möchte ich mich herzlich bedanken. Ich spüre aber Rückhalt von verschiedenen Seiten, von der Landesregierung und vom Sanitätsbetrieb. Auch die Menschen kommen immer wieder auf mich und auf meine Frau zu. Das ist schon toll. Mein achtjähriger Sohn hat vor Kurzem gesagt, er ist jetzt im Südtirol, er möchte in Südtirol bleiben. Und wenn es wirklich notwendig sein sollte, dann wird er hier um Asyl ansuchen.

Auch wenn alle hinter Ihnen stehen: Schauen Sie sich schon nach einem neuen Job um? Sie wissen ja nicht, wie das Verfahren ausgehen wird.
Ich möchte hierbleiben, ich finde diese Aufgabe interessant. Es macht mir trotz der letzten Auseinandersetzung jeden Tag Freude, in die Arbeit zu gehen. Ich denke nicht daran, hier wegzugehen. Ich vertraue auch darauf, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzt. Nicht umsonst habe ich alle meine Besitztümer in Österreich verkauft, meine Kinder gehen hier in die Schule, in den Kindergarten. Ich möchte gerne hierbleiben.

(ep)


					

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