Tagesschau
06. Juli 2020 aktualisiert um 05:05
Gesundheit

Rubrik zum Coronavirus

Gänsbacher erklärt: Den Finger in die Wunde legen? Ja bitte!

Der Immunologe Bernd Gänsbacher antwortet auf die wichtigsten Fragen zum Coronavirus - die Rubrik "Gänsbacher erklärt"
Quelle © Rai Tagesschau

Keine Stigmatisierung

Wir wollen niemanden stigmatisieren, also sagen wir nicht, wo wie viele mit dem Coronavirus infiziert sind. 

Das Wort Stigma kommt aus dem altgriechischen und bedeutet auch Wundmal. Stigmatisieren ist falsch und passiert zu oft in unserer Gesellschaft. Wenn die Politik aber glaubt, die öffentliche Bekanntgabe von Ortschaften und vom Corona-Virus betroffener Gebiete sei eine Stigmatisierung, dann hat sie den Infektionsmodus des Corona-Virus nicht verstanden. Im Krieg gegen den unsichtbaren Feind sind Detailinformationen zu Neuinfizierten nicht eine Stigmatisierung, sondern eine zusätzliche Waffe. 

Südkorea und Italien  

Südkorea hatte vor 2 Wochen 3500 Fälle, Italien ungefähr 1700 Fälle (Verhältnis 2:1). Inzwischen ist das Verhältnis mehr als nur auf den Kopf gestellt. Wie hat Südkorea das geschafft? Südkorea ist ein fortschrittliches Land, ganz besonders im Bereich der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz. Der Staat hat Zugang zu Handys und Kreditkarten der positiv getesteten Personen. Die Laufwege der infizierten Personen werden an die Bevölkerung anonym weitergegeben, die laut Handy- und Kreditkarteninformation mit ihnen in Kontakt waren, damit diese sich melden und sich testen lassen. Die Straßen in denen Infizierte in Quarantäne leben, werden anonym weitergegeben, damit man die Zonen beim Einkaufen meiden kann. Ein Monitoring Team ruft zweimal täglich zur Kontrolle die Personen an, die in Quarantäne sind.


Fehlverhalten wird mit bis zu 5.000€ bestraft 

Südkoreas Wissenschaftler haben außerdem eigene Test-Kits gemacht. Dadurch konnten mehr als 270.000 getestet werden. Das sind 5200 Tests pro Million Einwohner. An Teststellen etwa bei Tankstellen durchfahren und sich testen lassen? Ja, das ist in Südkorea möglich. Das Ergebnis bekommt man am nächsten Tag. Das hat Südkorea erlaubt die Infektionswelle zu unterbrechen ohne einen Lockdown der Gesellschaft zu verordnen. Die Strategie, die von der Regierung vorgegeben wird, ist das Tragen von Gesichtsmasken für alle, Hände waschen und vermeiden von Personenansammlungen. Die Realität zeigt, dass diese Strategie die Richtige war. 
 
Diese Vorgehensweise ist vor allem deshalb immens wichtig, weil man weiß, dass es auch so genannte Super-Spreader gibt, also Mega-Verbreiter, die in kürzester Zeit viele Menschen anstecken. Nehmen wir das Beispiel der inzwischen als "Patient 31“ lokalisierten Person in Südkorea. Eine 61-jährige Anhängerin der Shincheonji-Kirche in Daegu. Mitglieder dieser Kirchengemeinschaft sind aufgefordert, selbst mit leichtem Fieber zum Beten in die Kirche zu kommen. Und dort sitzen sie auch noch sehr eng nebeneinander. Die Folge: während einer einzigen Versammlung hat "Patient 31“ 184 Mitmenschen infiziert. 
 
Also sieht man wie hier in Südtirol das Missverständnis und das nicht Verstehen der Ausbreitungsart dieser Viruserkrankung in den Köpfen der Menschen Fehlentscheidungen verursacht. Gestern wurden Daten von 16 Corona-Infizierten in München veröffentlicht, die man im Detail getestet hat. Alle 16 haben die Infektion überlebt, alle 16 haben nach sieben bis zehn Tagen Antikörper gegen das Virus gebildet und sind damit für Monate, vielleicht Jahre vor einer Neuinfektion geschützt. Wenn man also jemand stigmatisieren wollte, dann die, die noch nicht infiziert sind, weil sie eine Möglichkeit der Virusausbreitung und Gefahr für die Bevölkerung sind.
 
*Der bekannte Sarner Immunologe und Krebsforscher Bernd Gänsbacher war Professor an der TU München, ist Mitglied der Zentralen Kommission für biologische Sicherheit in Deutschland und Mitglied der europäischen Medikamenten-Zulassungsstelle EMA.

 

					

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