Tagesschau
09. August 2020 aktualisiert um 20:45
Politik und Institutionen

Corona-Maßnahmen

WHO: Grenzschließungen helfen nicht gegen Corona

Die WHO hält Reisebeschränkungen für nicht sinnvoll: Sie schaden bei einer Pandemie sogar mehr als sie nutzen.
Quelle © Brennerautobahn  Geschlossene Grenzen halten das Virus nicht auf
Geschlossene Grenzen halten das Virus nicht auf
Bereits Ende Jänner, als die Weltgesundheitsorganisation wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus den internationalen Gesundheitsnotstand erklärte, hatte sich WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus gegen Grenzschließungen ausgesprochen: Es gebe keinen Grund für Maßnahmen, „die unnötigerweise den internationalen Reiseverkehr und Handelsverkehr behindern“. Dennoch haben nach und nach gut 130 Staaten dicht gemacht. Weitere gut 50 Länder haben Grenzüberschreitungen etwa durch Visumsbeschränkungen erschwert. Auf Anfrage von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ hat die WHO kürzlich ihre Haltung bekräftigt: Reisebeschränkungen seien „in den meisten Fällen ineffektiv“.
USA und Italien haben früh Reisende aus China ausgesperrt. Zum starken Ausbruch kam es doch.

USA und Italien konnten hohe infektionszahlen nicht verhindern

Als Beispiele dienen aktuell Staaten mit hohen Infektionszahlen und vielen Todesfällen: Die USA und Italien haben nach dem ersten großen Ausbruch von SARS-CoV-2-Infektionen in Wuhan zu einem frühen Zeitpunkt Reisende aus China nicht mehr einreisen lassen, während Spanien und Frankreich ihre Grenzen noch offen hielten. In allen vier Staaten gab es in den Wochen danach ähnlich hohe Steigerungszahlen der Corona-Infektionen und der Todesfälle.

Der Epidemiologe Marc Lipsitch von der Harvard School of Public Health hat die Reisebeschränkungen in den USA im „Journal of the American Medical Association“ als rein „symbolische Maßnahmen“ bezeichnet. Die WHO verweist auf seit Jahren vorliegende Studien in Zusammenhang mit Grippeausbrüchen und zu den von Coronaviren verursachten Erkrankungen SARS und MERS, die zeigen würden, dass Grenzschließungen keinen Wert haben.

Abstand halten und Quarantäne

Um ein exponentielles Wachstum zu stoppen, so die WHO, sei es in erster Linie wichtig, dass Menschen Abstand halten. Ziel müsse es sein, infizierte Personen durch Gesundheitsbehörden möglichst bald zu entdecken, diese sollten sich dann isolieren. Ihre Kontaktpersonen müssten sich in Quarantäne begeben.
Die Frage einer grenzüberschreitenden Mobilität ist dabei nicht von belang: Sollten Personen, die möglicherweise (asymptomatisch) infiziert sind, über eine Staatgrenze einreisen, würden diese zwar rechnerisch die Anzahl der Gesamtinfizierten vergrößern, dies sei aber nicht entscheidend. Es gehe vor allem darum, die Multiplikationen in einer Bevölkerung zu stoppen, nicht um die Addition durch einige Einreisende.

Unicef beklagt: Durch Grenzsperren kommen Impfstoffe nicht zu den Kindern

Aktuell zeigen sich laut den Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ sogar dramatische Folgen von Grenzschließungen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef berichtet, dass Schutzimpfungen für Kinder im März um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen seien, da es keine Flüge mehr gebe, die Impfstoffe mitnehmen können. Der Direktor des Welternährungsprogamms (UN World Food) David Beasley beklagte, dass seine Organisation eine teure Luftbrücke organisieren musste, um dringend benötigtes medizinisches Material in mehrere Länder bringen zu können.

Mehr als ein Dutzend renommierter Wissenschaftler wiesen in der Zeitschrift "International Journal of Infectious Diseases" darauf hin, dass Reisebeschränkungen "üblicherweise nicht effektiv sind, um die Einfuhr von Infektionen zu verhindern". Gleichwohl würden sie aber einen großen wirtschaftlichen und sozialen Schaden anrichten. Deshalb sollten solche Maßnahmen "auf einer vernünftigen wissenschaftlichen Überprüfung" basieren und "zeitlich befristet" sein.

(bs)

					

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