Tagesschau
09. Mai 2021 aktualisiert um 09:21
Gesellschaft

Seniorenwohnheime

„Meine Mutter überlebt hier, aber sie lebt nicht mehr.“

Das Institut für Allgemeinmedizin hat Bewohner von Seniorenheimen, ihre Angehörigen und die Mitarbeiter der Heime befragt, wie sie den Corona-Lockdown erlebt haben. Herausgekommen sind sehr emotionale Berichte.
Quelle © Pixabay
Die Bewohner und Mitarbeiter der Seniorenwohnheime zählen zu den von der Coronapandemie am stärksten betroffenen Gruppen in der Gesellschaft. Viele Bewohner erkrankten und starben an Corona, der Alltag in den Heimen wurde durch die nötigen Schutzmaßnahmen auf den Kopf gestellt. Besuche von Angehörigen waren nicht möglich – und auch die Angehörigen litten.

Wie sind die Menschen mit dieser Situation zurechtgekommen? Das Institut für Allgemeinmedizin der Claudiana hat in Zusammenarbeit mit dem Forum Prävention zu dieser Frage eine Studie erstellt, bei der insgesamt 45 Interviews geführt wurden.

Herausgekommen sind teilweise erschütternde Berichte. Hier Auszüge von Interviews mit Heimbewohnern.

„Es war die schlimmste Zeit meines Lebens und ich habe mir jeden Tag den Tod gewünscht. Und Selbstmordgedanken gab es auch.“

 

„Ja, ich habe es eben hinnehmen müssen. Wenn es nicht anders geht. Herein durften sie nicht, hinaus durfte ich nicht, infolgedessen habe ich es hinnehmen müssen.“

 
​Auch psychiatrische Störungen wie Depressionen, Angstzustände, Schlaf- und Appetitlosigkeit haben laut der Studie in den Monaten der Isolation zugenommen.

Und auch das Pflegepersonal stand vor dem Dilemma zwischen dem Schutz vor einer Infektion und allen anderen Bedürfnissen der alten Menschen entscheiden zu müssen. Ein Auszug aus den Interviews mit Mitarbeitern in den Heimen:

„Für mich ist das oft schon schwer zu ertragen gewesen. Dass wir jetzt die Angehörigen ersetzen, dass wir jetzt die sind, die jetzt da daneben sitzen und sie am letzten Weg begleiten, obwohl eigentlich draußen eine Tochter oder ein Sohn sitzt, dem das eher zustehen würde.“

„Ständiger Personalmangel, demzufolge ist man natürlich gestresster bei der Arbeit, ist klar, demzufolge leidet auch die Qualität der Arbeit […]. In unserem Fall die Qualität der Pflege, also alles muss ein bisschen schnell gemacht werden und am Ende leidet der Bewohner darunter.“

„Die (Eine Bewohnerin) hat geweint und gesagt: „Meine Tochter mag mich nicht mehr und sie kommt nicht wieder.“ 

 

Auch Angehörige haben unter der Situation gelitten

 
Unter den Umständen gelitten haben aber auch die Angehörigen, wie folgende Zitate zeigen.

„So hat sie mich gebeten: „Bitte bring mir etwas, dass ich sterben kann.“ Ein Gefängnis.“

„Ich habe echt nicht mehr geschlafen. Ich habe nicht mehr schlafen können. Weil ich mir in meiner Phantasie vorgestellt habe, dass sie alleine in dem Zimmer ist.“

„Meine Mutter überlebt hier, aber sie lebt nicht mehr.“

 

„Ich würde mir wünschen, dass sie im Heim […] wirklich die engen familiären Leute testen oder auch sagen, macht einen Test, wenn er negativ ist, dann dürft ihr hereinkommen.“
 

Um die Probleme, die während der Coronazeit aufgetreten sind zu lösen, schlagen die Studienautoren der Claudiana eine interdisziplinäre Fachgruppe vor. 

hp/sf

					

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