Tagesschau
20. Juni 2021 aktualisiert um 15:10
Chronik

Lago Maggiore

Seilbahnunglück: Untersuchungsrichterin entlastet Leitner

War der Seilbahnbauer Leitner informiert darüber, dass die Notbremse der Seilbahn auf den Mottarone blockiert worden war? Die Untersuchungsrichterin glaubt das nicht.
Quelle © Ansa Abgedeckte Unglücksgondel der Seilbahn auf den Monte Mottarone
Abgedeckte Unglücksgondel der Seilbahn auf den Monte Mottarone
Warum sollte Leitner das Notbremssystem überbrücken? Diese Frage stellt Untersuchungsrichterin Donatelli Banci Buonamici in ihrer Entscheidung zur Verlängerung der Untersuchungshaft für den Betriebsleiter der Bahn von Stresa auf den Monte Mottarone, Gabriele Tardini. Und die Antwort der Untersuchungsrichterin ist eindeutig: „Leitner hatte keinen finanziellen Nutzen durch die Blockade der Notbremse. Gleichzeitig hätte Leitner, das eine ganze Reihe von Instandhaltungsarbeiten an verschiedenen Seilbahnen durchführt, durch solch unerlaubte Überbrückungen einen großen Imageschaden erleiden können.“ Finanziell war Leitner durch einen Wartungsvertrag mit der Betreibergesellschaft der Seilbahn „Ferrovie del Mottarone“ abgedeckt und bekam jährlich 127.000 Euro überwiesen. Zudem sei aufgrund der Probleme ein Termin für eine weitere Kontrolle der Anlage bereits geplant gewesen.

„Warum hätte Leitner ein Interesse daran gehabt, dass die Bahn in nicht optimalen Zustand weiterfährt? Leitner konnte durch eine Fehlfunktion der Bahn nur verlieren.“

Untersuchungsrichterin

Auch Leitners Techniker Enrico Perocchio wird von der Untersuchungsrichterin entlastet: Er habe weder als Mitarbeiter von Leitner durch die andauernden Probleme mit der Notbremse finanzielle Verluste hinnehmen müssen. Dasselbe gelte für seine Tätigkeit als technischer Direktor der Bahn.

„Auch Perrochio hätte durch eine Fehlfunktion der Bahn vor allem als Techniker einen Schaden für seinen Ruf  in Kauf nehmen müssen.“

Untersuchungsrichterin

Finanzielle Interessen?

Betriebsleiter Gabriele Tadini hatte in einem Verhör angegeben, dass er alle Beteiligten über die Überbrückung der Notbremse informiert habe.  Dabei sei es einzig und allein um finanzielle Interessen gegangen, sagte Tadini. Leitner sowie die Betreibergesellschaft hätten finanzielle Einbußen durch einen Stillstand der Bahn erleiden müssen. Sowohl Perocchio als auch Nerini hatten diese Anschuldigungen zurückgewiesen. Und die Untersuchungsrichterin glaubt dem Leitner-Techniker und dem Chef der Betreibergesellschaft. „Kann man auch nur hypothetisch annehmen, dass Leitner um eine Wartung nicht durchzuführen einen solches Unglück in Kauf genommen hätte?“, fragt Untersuchungsrichterin Banci Buonamici. Für sie ist das nicht nachvollziehbar. Auch nicht, dass der Chef der Betreibergesellschaft, Luigi Nerini, den Betrieb der Bahn ohne funktionierende Notbremse hingenommen hätte:

„Wenn, dann wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, die Bahn für Wartungsarbeiten zu schließen. Das hätte der Gesellschaft finanziell keinen großen Schaden zugefügt, weil die Hauptsaison noch nicht begonnen hat. Deshalb wäre es wohl vernünftig gewesen, jetzt, vor Beginn der Saison die Seilbahn zu reparieren.“ Untersuchungsrichterin

 
Deshalb kommt Untersuchungsrichterin Banci Buonamici zum Schluss: Es besteht kein Grund Enrico Perocchio und Luigi Nerini weiter in Untersuchungshaft zu behalten. Anders sieht es mit Betriebsleiter Tadini aus. Der muss in Haussarrest bleiben. Er gilt nach aktuellem Ermittlungsstand als derjenige, der das Notbremssystem deaktivieren ließ.
 
Beim Seilbahnabsturz am vergangenen Sonntag waren 14 der 15 Passagiere bei der Fahrt von STresa auf den Monte Mottarone ums Leben gekommen. Nur ein fünfjähriger Bub hatte den Absturz schwer verletzt überlebt.
 
hase

					

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