Deutsch ist vor Gericht eine Seltenheit

Seit 30 Jahren kann jeder Südtiroler vor Gericht zwischen Deutsch und Italienisch als Prozesssprache wählen. Warum dennoch nur wenige Deutsch einfordern.

Deutsch ist vor Gericht eine Seltenheit
Rai Tagesschau

Nach 30 Jahren Zweisprachigkeit bei Gericht zieht der Präsident der Strafsektion am Bozner Landesgericht Stefan Tappeiner eine durchaus positive Bilanz. “Das Recht für einen Bürger die Prozesssprache zu wählen und vor allem auch das Recht, in der eigenen Muttersprache aussagen zu können, ist in einem Rechtsstaat extrem wichtig”, sagt er. Der Präsident der Südtiroler Anwaltskammer Karl Pfeifer pflichtet Tappeiner bei: “Allein der Begriff ‘Rechtssprechung’ erkennt die Bedeutung der Sprache an”, meint er. 

Die Schattenseiten der Zweisprachigkeit

Negative Aspekte der Zweisprachigkeit gibt es aber auch. Allen voran der bürokratische Aufwand. “Wenn ein Prozess streng zweisprachig geführt wird, braucht es viel Zeit”, sagt es Rechtsanwalt Pfeifer. “Das heißt dann auch wieder Bürokratie.” Zudem gestaltet sich die Übersetzungen vieler Begriffe laut Richter Tappeiner oft als schwierig. “Bestimmte Nuancen werden vielleicht nicht ganz korrekt übersetzt. Gerade deswegen versuchen wir immer Prozesse so abzuwickeln, dass jeder in seiner Muttersprache aussagen kann und dass dann auf eine Übersetzung verzichtet werden kann.”

Warum Italienisch dennoch vorherrscht

Laut Tappeiner werden jedoch nur zehn bis 20 Prozent der Strafverfahren in deutscher Sprache abgehalten. “Das liegt daran, dass sehr viele Nicht-EU-Bürger Italienisch als Prozesssprache wählen. Und manchmal wählen auch deutschsprachige Südtiroler Italienisch, weil sie sich von einem italienischsprachigen Strafverteidiger verteidigen lassen wollen - oder auch von einem Anwalt, der seine Kanzlei nicht in Südtirol hat.”

Die Möglichkeit, wählen zu können, sei und bleibe aber eine wichtige Errungenschaft.