100 alte Mülldeponien in der Erde versteckt: "Das sind die Spuren unserer Gesellschaft"

Nicht nur Sigmundskron: Etwa 100 alte Deponien schlummern in Südtirol unter der Erde. Für diesen Müll gibt es kein Konzept. Er wird da bleiben - für immer.

Am Kaiserberg bei Bozen füllte der Müll ein ganzes Tal auf - jetzt entsteht hier eine Erholungszone
Am Kaiserberg bei Bozen füllte der Müll ein ganzes Tal auf - jetzt entsteht hier eine Erholungszone

Auf der stillgelegten Mülldeponie Sigmundskron bei Bozen soll im Oktober ein weiterer Teil als Naherholungszone geöffnet werden. Nachdem die Abdichtung der sogenannten alten Deponie abgeschlossen ist, wird sie mit Rad- und Fußwegen an die Stadt angebunden. Auf dem rund 40 Meter hohen Hügel aus Bauschutt, Gewerbemüll und Resten von Kriegsbombardierungen wurden mehr als 4.200 Büsche und Bäume gepflanzt. Auch eine Aussichtsplattform, Tennisplätze, ein Ausbildungsplatz für Rettungshunde, eine Wildvögelpflegestation und zwei kleine Teiche wurden errichtet. Die Arbeiten haben 8 Millionen Euro gekostet.

Sigmundskron ist nur eine von vielen alten Südtiroler Mülldeponien. Tatsächlich gab es im Südtirol der 1990er etwa 110 Mülldeponien - dann setzte sich das Recycling durch. Der Direktor des Landesamts für Abfallwirtschaft Giulio Angelucci sagt heute: Alle alten Deponien sind noch immer unter der Erde versteckt - und sie werden es bleiben, für immer. 

Herr Angelucci, einst gab es 110 Mülldeponien. Wie viele dieser alten Mülldeponien sind heute noch unter der Erde versteckt?
Giulio Angelucci, Direktor des Landesamts für Abfallwirtschaft: Alle sind unter der Erde versteckt. Wir haben in den 90ern alle Gemeinden angeschrieben und sie aufgerufen, ihre sogenannten wilden Mülldeponien zu melden. Dann haben wir ein Sanierungskonzept ausgearbeitet. Die Mülldeponien von damals sind heute alle saniert. Ganz wenige haben wir entfernt - das heißt: Wir haben den Müll abgetragen und in eine andere Mülldeponie transportiert. Die wenigen Deponien, die nur Bauschutt enthielten, wurden nur mit Erde oberflächlich abgedeckt.

Was heißt: Die Mülldeponien wurden "saniert"?
Sanierung bedeutet in den meisten Fällen eine Oberflächenabdichtung mit einer Folie und einer Mineralschicht, damit kein Wasser eindringen kann - und damit so das Grundwasser durch den Müll nicht gefährdet wird. Die Mülldeponie am Kaiserberg bei Bozen füllte ein ganzes Tal auf. Nun wurde sie schön und gut renaturiert, man kann nicht mehr erkennen, dass darunter eine Deponie liegt. Aber es ist wichtig, dass die nächsten Generationen wissen, was passiert, wenn wir unkontrolliert Müll ablagern.

Wir reden von mehreren Millionen Euro - allein für die Oberflächenabdichtung. 

Wer bezahlt die Sanierung?
Damals, als der Müll so abgelagert wurde, hatte man dafür keine andere Lösung. Die Gemeinden haben Flächen für die Gesellschaft ausfindig gemacht und haben somit ihre Pflicht absolviert. Dazu gab es Private, die ihre Flächen zur Verfügung gestellt und damit etwas dazuverdient haben. Im ersten Fall muss die öffentliche Hand für die Sanierung aufkommen. Im zweiten Fall muss der Private die Sanierung bezahlen.

Von welchen Kosten sprechen wir da?
Wir reden von mehreren Millionen Euro - allein für die Oberflächenabdichtung. 

Hat man die mehr als 100 Mülldeponien von damals unter Kontrolle? Schaut man da manchmal noch nach, was der Müll darunter eigentlich so macht?
In jenen Mülldeponien, die Sickerwasser produzieren, sowieso. Das Grundwasser wird regelmäßig kontrolliert. Zum Glück stellen wir dort nichts Auffälliges fest. Es gibt allerdings noch einige Mülldeponien oder illegale Müllablagerungen, die damals nicht gemeldet wurden - und die nun ab und zu wieder auftauchen, wie zuletzt in Bruneck.

Das Grundwasser wird regelmäßig kontrolliert. Zum Glück stellen wir dort nichts Auffälliges fest. 

Hat man mit diesem Müll unter der Erde, den sanierten Mülldeponien, längerfristig noch etwas vor? 
Nein, der Müll muss hier liegen bleiben. Es gibt kein Konzept. Das sind die Folgen unserer Gesellschaft. Der Müll bleibt - für immer und ewig. Das Einzige, was wir eventuell tun können, ist die Mülldeponie später zu renaturieren. Falls wir die Mülldeponien nicht mehr für hochwertige Nutzung in Frage kommen, könnten wir vielleicht auch Solarpaneele anbringen. 

Es gibt kein Konzept. Das sind die Folgen unserer Gesellschaft. Der Müll bleibt - für immer und ewig. 

Warum trägt man die alten Mülldeponien nicht ab und verbrennt den Müll?
Da gibt es Umweltbedenken. Der Müll ist mit viel Erde durchsetzt und eignet sich deshalb nicht für die Verbrennungsanlage. Wenn eine alte Mülldeponie umgeschichtet werden muss, dann befreien wir die eine Fläche vom Müll - um eine andere zu beanspruchen. Für die Umwelt gewinnen wir da nichts. Und wenn wir von großen Deponien sprechen, macht die Umlagerung auch deshalb keinen Sinn, weil da Gase entstehen können, die für Arbeiter und Umwelt gefährlich sein können. Deutlich besser ist die Versiegelung der Oberfläche. 

Neben den vielen alten Mülldeponien sind in Südtirol heute nur noch wenige aktiv. Welche denn?
Im Grunde sind noch vier Mülldeponien in Südtirol in Betrieb: Sachsenklemme im Wipptal, die Deponie in Glurns, eine weitere in Dietenheim bei Bruneck und die große in Pfatten. In der Anlage in Pfatten gibt es zwei Mülldeponien: eine alte, dort wurden etwa drei Jahrzehnte Hausabfälle endgelagert, und eine neue. In der neuen Mülldeponie werden nun nun nur noch die Schlacken von der Müllverbrennungsanlage abgelagert. Wir haben ein Konzept, damit wir auch aus den Schlacken noch hochwertige Wertstoffe wie Gold und andere Metalle zurückgewinnen können.

Wie lange rechnen Sie, dass der Platz der neuen Mülldeponie reicht für die ganzen Schlacke, die wir produzieren?
Wir rechnen mit 30 bis maximal 40 Jahren. Danach muss eine neue Fläche für eine neue Mülldeponie ausfindig gemacht werden. Leider. Wir beanspruchen mit unserem Müll immer Flächen. Wenn wir eine Deponie bauen, dann bleibt der Müll für ewig.

Interview: Petra Gasslitter