Tagesschau
07. Oktober 2022 aktualisiert um 12:25
Gesundheit

„Kinder sind ebenso ansteckend wie Erwachsene“

Ist Südtirol für den Schulbeginn und ein Wiederaufflammen des Coronavirus gewappnet? Laut dem Immunologen Bernd Gänsbacher sollte die Gefahr von infizierten Kindern nicht unterschätzt werden.

Herr Professor Gänsbacher, bei den Infektionen von Kindern und Jugendlichen gibt es sehr unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse. Sind sie nun ansteckend oder nicht?
 
Es gibt tatsächlich sehr unterschiedliche wissenschaftliche Publikationen dazu. Die einen besagen, dass Kinder das Virus nur sehr selten weitertragen, andere besagen das Gegenteil. Zu beiden Thesen gibt es in anerkannten Fachmagazinen Publikationen. Tatsache ist, dass diese Frage noch nicht geklärt ist.

Fakten sprechen aber für sich selbst: In den USA hat es bisher über 300.000 Cov-2 positive Kinder gegeben.

Lassen wir deshalb die Fakten sprechen. In den USA haben sich bisher über 300.000 Kinder mit Sars-CoV2 infiziert. Über 330 sind daran gestorben. Zudem gibt es auch ein neues Krankheitsbild, das dem Kawasaki-Syndrom ähnelt - ein Kranknheitsbild mit sehr bedenklichen Folgen.

Und wie ist Ihre Meinung dazu?

Wir wissen, dass alle respiratorischen Viren von Kindern übertragen werden.

Das Coronavirus ist auch ein respiratorisches Virus. Warum sollte das bei Kindern anders sein?

Und alle Eltern wissen, wenn Kinder in den Schulen und Kindergärten sind, dass die Eltern und die Geschwister mehrmals im Jahr Infekte bekommen. Und das nur, weil es die Kinder mit nach Hause bringen.

Also gilt mit Schulbeginn wieder erhöhte Aufmerksamkeit für Kinder im Kontakt mit ihren Großeltern?

Richtig.

Mit Schulbeginn werden Coronainfektionen nicht zu vermeiden sein. Können die neuen Antigentests, die der Sanitätsbetrieb im großen Umfang angekauft hat, eine Lösung sein?

Ja, da gibt es eine ganz neue Entwicklung. Diese Antigentests, die nicht mit Antikörpertests verwechselt werden dürfen, weisen eine bestehende Infektion nach. Sie sind zwar deutlich fehleranfälliger als PCR-Tests, doch bei Infizierten mit einer hohen Viruslast liefern sie ein positives Ergebnis. Damit können die wirklich gefährlichen Personen, von denen eine hohe Ansteckungsgefahr ausgeht, rasch aus dem Verkehr gezogen werden. 

Antigentests sind zwar nicht so genau wie PCR-Tests, aber sie identifizieren Personen mit einer hohen Viruslast rascher. 

Was kann sich denn Südtirol für den Schulbeginn von anderen Staaten abschauen?

Es gibt genügend Modelle beispielsweise von Wissenschaftlern der Harvard University, die sich mit regelmäßigen Antigentests auseinandergesetzt haben.  Was also passiert, wenn man die Schüler und Studenten regelmäßig testet? Wenn man mit dem billigen Antigentest - die kosten ein bis zwei Euro und sehen aus wie Schwangerschaftstests - wenn man mit diesen zweimal die Woche testet, dann wird es zu keinem Infektionsherd kommen. Und somit kann man den Unterricht problemlos abhalten. 

Zurzeit kritisieren viele die Quarantänemaßnahmen. Ist es denn gerchtfertigt, Menschen für zwei Wochen aufgrund der Infektion zu isolieren? Ist das aus medizinischer Sicht noch sinnvoll?

Da gibt es auch neue Erkenntnisse. Menschen mit Coronavirus haben nur ein schmales Zeitfenster, während dem sie infektiös sind. Wir sprechen da bei den allermeisten Infizierten von maximal zwei bis drei Tagen vor dem Auftreten von Symptomen bis zu fünf bis sieben Tage nach Symptombeginn. 

Mittlerweile weiß man, dass die allermeisten Menschen maximal zehn Tage lang infektiös sind.

Wenn ich jetzt sehr konservativ bin, dann sage ich, zehn Tage Quarantäne müssten genügen. Der Virologe Christian Drosten spricht sich gar für nur eine Woche Quarantäne aus.

Ist das aus Ihrer Sicht zu radikal für Südtirol?

Nein, ist es nicht. Des Sanitätsbetrieb muss das gut überlegen und mit seinen Experten absprechen. Man muss halt wissen, dass es extrem selten ist, dass Infizierte mehr als zehn Tage lang Viren ausscheiden. Auch hier muss man wissen: Personen können auch nach diesen zehn Tagen noch PCR-positiv sein, wie es ja Landesrat Widmann passiert ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass jemand noch infektiöse Partikel ausscheidet. Da sind einzelne Fragmente des Virus, die in der Rachenschleimhaut noch enthalten sind.
 
Interview: Markus Kaserer
 
(hase)

					

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