Tagesschau
03. Dezember 2021 aktualisiert um 12:44
Gesundheit

"Der Booster wirkt schneller als die Erstimpfung!"

Die Auffrischungsimpfungen sind angelaufen und sind nun in aller Munde - Prof. Bernd Gänsbacher erklärt die Hintergründe zum "Boostern".

Dass die Corona-Schutzimpfung wirkt, wird inzwischen durch diverse Studien belegt. Inzwischen weiß man auch, dass der Booster im Gegensatz zur Erstimpfung bereits nach 7 Tagen den Impfschutz aufbaut. „Das liegt daran, dass die Immunzellen des Geimpften bereits Bekanntschaft mit den Bestandteilen des Virus gemacht haben“, erklärt der Rai Südtirol Corona-Experte Bernd Gänsbacher im Interview mit Rai Südtirol. 
 
Rai Südtirol: Professor Gänsbacher, wie kann man die doch vergleichsweise schnelle Wirkung des Boosters genau erklären?

Bernd Gänsbacher: „Einfach erklärt, funktioniert das in etwa so: Personen, die bereits den ersten Impfzyklus abgeschlossen haben, haben ja bereits ihr Immunsystem trainiert. Das heißt, es wurden infolge des ersten Zyklus schon die Antikörper produzierenden B-Zellen und die T-Zellen gebildet, die das Virus erkennen.  Man hat in der randomisierten klinischen Studie die Infektionskurven der noch nicht Geimpften mit den schon mal Geimpften verglichen. Bei Erstgeimpften und „Geboosterten“ verläuft die Kurve, die die Corona Infektionen anzeigt, zunächst parallel, weil noch niemand infiziert wurde. Schon am siebten Tag trennen sich die Kurven, dann sieht man wie die zweifach Geimpften schneller und häufiger vom Corona Virus infiziert werden. Nach der Erstimpfung hingegen trennt sich die Kurve der Geimpften und der Nichtgeimpften erst nach 10-14 Tagen. Der Grund ist, dass bei der Booster Impfung Corona-spezifische B- und T-Zellen im Blut des Geimpften zirkulieren und sofort nach Kontakt mit dem Impfstoff expandieren. Und deshalb sage ich: Das Virus bedroht die gesamte Gesellschaft, deshalb können wir nur gemeinsam das Virus erfolgreich bekämpfen. Es darf nicht in einen Glaubenskrieg ausarten!“

Wie lange wirkt die Auffrischimpfung dann an, also wie lange sind wir gut geschützt?

„Das weiß man noch nicht, weil man mit Booster Impfungen erst begonnen hat. Die Wissenschaft geht von einem guten Schutz für Monate aus. Allerdings müssen wir für genaue Daten noch warten. In jedem Fall rate ich dazu, dass man trotz der Auffrischimpfung Vorsicht walten lässt. Wenn nämlich die Antiköperkonzentration nach ein paar Monaten sinkt, wird auch der Geimpfte wieder für das Virus angreifbar. Und solange ein beachtlicher Teil der Bevölkerung noch ungeimpft ist, zirkuliert das Virus in dieser Gruppe ungebremst. Dass das Virus auch Geimpfte infizieren kann, wissen wir, es passiert selten, und deshalb müssen auch die Geimpften vorsichtig sein. Tatsache, dass das Virus sich in einem Körper eines Geimpften vermehren kann, obwohl Antikörper vorhanden sind, ist sehr beunruhigend.“

Sollte man sich besser mit Moderna oder mit dem Stoff von Biontech Pfizer boostern lassen?

„Man geht ja davon aus, dass eine dritte Impfung ab 18 Jahren notwendig ist, um ein vollständiges Impfschema zu haben. Ob Biontech oder Moderna ist bei Leuten über 30 jedenfalls relativ unwichtig. Der Boostereffekt ist bei beiden ähnlich.“

In den vergangenen Tagen konnte man immer wieder hören, dass einige Leute die Impfung mit den zugelassenen Stoffen verweigern, weil sie auf die Zulassung der „Totimpfstoffe“ warten. Sowohl Frankreich, China, aber auch Indien haben diese Impfstoffe produziert. Ein Vorteil soll sein, dass sie nicht so kalt gelagert werden müssen, wie die mRNA- oder Vectorimpfstoffe, die bei uns zugelassen sind.

„Wer den Todimpfstoff abwarten will, muss verstehen, dass die Impfstoffe, die bei uns verwendet werden vom RKI den Totimpfstoffen gleichgestellt worden sind. Das gilt für die Vakzine von BioNTech/Pfizer, Moderna und den Vektorimpfstoffen.  Die klassischen Totimpfstoffe bestehen aus nicht replikationsfähigen Erregern. Das können also inaktivierte Viruspartikel oder Bestandteile davon sein.“
 
Was aber ist mit den Produkten Novavax aus den USA oder dem französisch-österreichischen Produkt Valneva, diese Stoffe sollen ja bald in Deutschland eingesetzt werden? Die EU-Kommission genehmigte bereits Anfang November einen Vertrag über den Ankauf von bis zu 60 Millionen Dosen-Valneva will im kommenden April liefern.
 
„Die meisten Menschen denken bei Totimpfstoff irrtümlicherweise an den Impfstoff von Novovax. Dieser wird vermutlich innerhalb von 2 Monaten zugelassen.  Es handelt sich hier um einen Protein-Impfstoff, bei dem – ähnlich wie bei den mRNA-Impfstoffen etwa von BioNTech/Pfizer – das Spike Protein als Zielstruktur die Impfantwort auslöst. Der Impfstoff aus Indien, den Sie erwähnen, heißt Covaxin. Dieser enthält abgetötete, inaktivierte Coronaviren. Ähnlich wie der chinesische Impfstoff Sinovac. Diese Impfstoffe wurden auch in mehreren Ländern in Afrika und in Südamerika mit mäßigem Erfolg verwendet.“
 
Warum werden die Stoffe dann bei uns noch nicht angewendet?
 
„Da die klinischen Studien von Sinovac und von Covaxin in Indien beziehungsweise in China gemacht wurden – also nicht den strengen Richtlinien der FDA und der EMA unterlagen – weiß man nicht genau, ob man dem publizierten Impfschutz von circa 70 Prozent glauben kann. Wichtig ist auch zu verstehen, dass die meisten Totimpfstoffe nicht sehr immunogen sind und deshalb mehrmals injiziert werden müssen. Außerdem muss man einen Impfverstärker verwenden, also eine Substanz, die unspezifisch die Antikörper-Produktion stimuliert." 
 
Kurzum, diese Totimpfstoffe bringen im Vergleich zu den bereits zugelassenen und verimpften Stoffen keinerlei Vorteil?

"Nein! Würden sich diejenigen, die auf den Totimpfstoff warten, sofort impfen lassen, täten sie sich und der Gesellschaft einen größeren Gefallen." 

ge/hp

					

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