Tagesschau
28. Jänner 2022 aktualisiert um 10:01
Gesellschaft

Taddei: Impfskepsis im Alpenraum historisch

Andreas Hofer war Bayern-Gegner - daher gegen die Impfpflicht gegen Pocken, laut Historikerin Taddei nur ein Grund für Impfskepsis im Alpenraum.

Erstimpfung, Zweitimpfung, Booster: Impfen in jeder Variante ist seit elf Monaten das Gebot der Stunde - nur nicht für Impfgegner:innen. Wer glaubt, das sei ein neues Phänomen irrt: Ihre Skepsis hat eine lange Tradition, ihre Geschichte ist so lang wie die Geschichte des Impfens selbst. 

1807: Bergbauern gegen Pocken-Impfzwang

Über Jahrhunderte wüteten die Pocken in Europa und rafften Millionen Menschen dahin. Besonders Babys starben an dem Ausschlag an Gesicht, Armen und Beinen sowie hohem Fieber. Dann kam die Pockenimpfung durch den Impfstoff "Vaccine" des englischen Arztes Edward Jenner. Und das Königreich Bayern führte 1807 als erstes Land der Welt die Pockenschutzimpfung ein. 

Geistliche und Ordensangehörige aus Tirol verurteilten den Impfzwang. Es sei ein Versuch, Gottes Pläne zu durchkreuzen und der Bevölkerung bayerisches Denken einzuimpfen. Der Aufstand unter Andreas Hofer und die Schlachten der Tiroler gegen bayerische und französische Truppen 1809 am Bergisel bei Innsbruck sind für einige Forscher der Höhepunkt der Rebellion gegen die Impfpflicht.

Petra Gasslitter hat die Historikerin der Universität Innsbruck, Elena Taddei, dazu befragt. Die Professorin für Geschichte der Neuzeit sieht die niedrige Impfbereitschaft im Alpenraum ebefalls als historisch begründet. Allerdings hätten bereits bei der ersten großen Impfaktion in Tirol, eben der Impfung gegen die Pocken vor etwa 200 Jahren, mehrere Faktoren die Impfbereitschaft gehemmt. Einerseits gab es den Fatalismus in der Bevölkerung, da Krankheit als Zeichen Gottes gesehen wurde, andererseits den Widerstand gegen Bayern. 

"Andreas Hofer war ein Bayern-Gegner (...), er war prinzipell gegen die bayrische Regierung und gegen alle bayrischen Verordnungen, darunter auch die Pockenimpfung, aber auch die Verordnungen gegen die Festlegung des Hopfengehaltes beim Bier." 

Elena Taddei, Historikerin Universität Innsbruck

Viele Menschen hätten ihre Kinder aber etwa auch gar nicht zur Impfung bringen können, da noch zu viel Schnee lag, unterstreicht Taddei. Ein weiterer Grund sind laut der Historikerin sicher auch starke historische Selbstverwaltungstendenzen als Hindernis für die Impfbereitschaft. Im Vergleich zu früher habe man heute die Möglichkeit sich zu informieren, sagt Taddei. Die Pocken-Epidemie sei nach Aufhebung der Impfpflicht mit 1814 in Wellen immer wieder aufgeflammt, endemisch war sie erst Ende des Jahrhunderts. Erst mit dem Impfpflicht-Programm der Weltgesundheitsorganisation WHO in den 1970er Jahren wurden die Pocken dann ausgerottet, auch in Tirol.


ka pg


					

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