Südtirol wie es brummt und summt
Das Biodiversitätsmonitoring ist die erste umfassende Zählung allen Lebens in Südtirol. „Wissen am Samstag“ zieht kurz vor dem Abschluss der Untersuchungen eine Zwischenbilanz.
Biodiversitätsmonitoring – das ist ein recht sperriges Wort für einen sehr einfachen Inhalt: Es soll wieder brummen und summen in Südtirol. Nach fünf Jahren intensiver Arbeit steht das Projekt „Biodiversitätsmonitoring Südtirol“ kurz vor dem Ziel. Derzeit wird auf Hochtouren an dem Abschlussbericht gearbeitet. Voraussichtlich in drei Monaten wird er fertig sein.
Was wächst, kreucht und fleucht
Es geht um Artenvielfalt auf und in der Erde, zu Wasser und in der Luft. Seit fünf Jahren wird diese Artenvielfalt in Südtirol systematisch beobachtet, es wird gezählt und es werden Listen gemacht, es wird verglichen, und es wird ausgewertet. Obstplantagen und Bauerngärten, Auwälder und Fichtenwäldern, Weiden und Moose, Bäche und Seen: Von März bis Mitte September waren in den vergangenen fünf Jahren zwischen 5 und 20 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen täglich in der Natur und arbeiteten an der ersten umfassenden Bestandsaufnahme alles Lebens in Südtirol.
Biologe und Botaniker Andreas Hilpold
Bienenvolksbegehren in Bayern
Vor fünf Jahren gab es in Bayern das Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Das war der Startschuss. Nicht zufällig, denn damals ging eine Zahl ständig durch die Medien, die erschreckend war: innerhalb von knapp 30 Jahren war die Biomasse der Insekten um 76 Prozent zurück gegangen. Ermittelt hatte das die „Krefeldstudie“. Für diese Langzeitstudie wurden zwischen 1989 und 2016 an insgesamt 63 Standorten in Naturschutzgebieten in Deutschland Insekten gefangen und deren Biomasse bestimmt. Das Gewicht dieser fliegenden Insekten nahm über den Untersuchungszeitraum von 27 Jahren um 76,7 Prozent ab. Im Hochsommer lag der Rückgang im Schnitt sogar bei 81,6 %.
Startschuss für das Monitoring
Die meisten hatten das Sterben der Insekten bis dahin wohl nicht einmal bemerkt. Der einen oder dem anderen wird aufgefallen sein, dass die Windschutzscheiben auch nach ein paar 100 Kilometern noch ziemlich sauber sind. Richard Theiner, damals Landesrat für Energie und Umwelt, war einer der sich beeindrucken ließ. Er schickte das Biodiversitätsmonitoring Südtirol auf den Weg, bevor er die Politik hinter sich ließ.
Südtiroler Lebensräume
Alle Informationen werden in 320 über ganz Südtirol verteilten Gebieten und 120 aquatischen Standorten erhoben. Sie wurden so ausgewählt, dass sie möglichst unterschiedlich sind. Sie umfassen städtischen Lebensraum und intensiv bewirtschaftete Flächen ebenso wie naturnahe Lebensräume wie Wälder, Feuchtgebiete und alpine Standorte. Federführend ist das Institut für Alpine Umwelt von Eurac Research in Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum Südtirol, der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung, sowie der Abteilung Landwirtschaft des Landes. Finanziert wird das Ganze vom Land.
Biologin Ulrike Tappeiner
Zwischenbilanz
„Wissen am Samstag“ zieht eine Zwischenbilanz. Gäste im Studio sind Andreas Hilpold und Ulrike Tappeiner - viele kennen sie als Präsidentin der Uni Bozen. Die Biologin ist aber vor allem Professorin am Institut für Ökologie der Universität Innsbruck und sie koordiniert dort das Forschungszentrum „Ökologe des Alpinen Raumes“. Und an der Eurac in Bozen leitet sie das „Institut für Alpine Umwelt“. Andreas Hilpold, Biologe und Botaniker, ist einer der Wissenschaftler, die am „Institut für Alpine Umwelt“ forschen. Er ist der Koordinator des Biodiversitätsmonitorings.
Herbizide und Pestizide?
Wer ist schuld am großen Artensterben? Sind es die so oft an den Pranger gestellten Herbizide und Pestizide? Ja, auch, sagen die Experten. Aber bei weitem tragen sie sie nicht die gesamte Last der Verantwortung. Hauptursache des Artensterbens ist – so eines der Ergebnisse des Biodiversitätsmonitorings Südtirol – die Vereinheitlichung der Landschaft.
Das Ende der buckligen Landschaft
In dem Trockenmauern und Hügel verschwinden, aus buckligen Wiesen ebene, für Maschinen zu bearbeitende Flächen werden, Büsche und Hecken ausgerissen und Bäche umgeleitet werden, wird die Landschaft uniform, „einfältig“ nennt Ulrike Tappeiner diese Landschaft und sieht auch eine Art irrationalen „Ordnungssinn“ als Mitverursacher.
Projekt Blumenwiese
Es sei aber relativ einfach gegenzusteuern: Ein entsprechendes Europäisches Gesetz, das „Renaturierungsgesetz“, weist bereits den Weg. Es sieht vor, dass 20 bis 30 Prozent der Flächen wieder der Natur übergeben werden: am Ackerrand mit Büschen, Hügeln und Wasser, mit Naturschutzgebieten, mit dem Rückbau zur naturnahen Landschaft, wenn Gebiete allzu stark „melioriert“ wurden. Und besonders wichtig: mit dem Erhalt und der Neuschaffung von Feuchtgebieten.