Tagesschau
20. Jänner 2022 aktualisiert um 09:08
Chronik

​„Gewalt an Frauen um ein Drittel angestiegen“

Während des Lockdowns ist die Anzahl der Frauenmorde in Italien gesunken. Frauenrechtlerin Monika Hauser nimmt trotzdem eine Gewaltzunahme an.

Die Coronakrise hat Frauen zu Heldinnen und Opfern gemacht. Dies sagt Medica Mondiale-Präsidentin Monika Hauser. Die Gynäkologin kämpft seit vielen Jahren weltweit gegen jegliche Form von Gewalt gegen Frauen und hat vor allem für ihren Einsatz für traumatisierte Frauen in Krisen- und Kriegsgebieten 2008 den Alternativen Nobelpreis erhalten.

Hauser: "Mit Covid ist Gewalt weltweit um ein Drittel angestiegen"

Laut Hauser leisten Frauen weltweit 76,5 Prozent der unbezahlten und 70 Prozent der bezahlten Sorgearbeit. In der Coronakrise seien Frauen als Heldinnen für ihre Leistungen in den systemrelevanten Berufen gelobt worden, sagt Hauser, betont aber auch: „Gleichzeitig hat die Krise die Ungleichbehandlung der Frauen wie unter einer Lupe verdeutlicht: Männer waren in der Krise Wochen und Monate zuhause, haben aber dennoch kein Mehr an Familienarbeit übernommen."
 
Hauser sagt: Im Lockdown sei die häusliche Gewalt weltweit um ein Drittel angestiegen.
 
Gewalt gegen Frauen fuße auf einem patriarchalen Gesellschaftssystem und stereotypen Rollenbildern, in dem Frauenrechte nicht als Menschenrechte gesehen würden. Das Problem sei die „Kultur des Schweigens" um das Thema, so Hauser.

Größere Gefahr in Südtirol

Im Jahr 2018 wurden in Südtirol vier Frauenmorde verzeichnet, in gesamt Italien 133. Gemessen an der Einwohnerzahl sei die Gefahr, ermordet zu werden, für eine Südtirolerin also viermal so hoch wie im übrigen Staatsgebiet, berechnet Hauser.
 
Es brauche mehr Bewusstsein in der Gesellschaft und vor allem die klare Entscheidung der Landespolitik, die im Jahr 2013 von Italien ratifizierte "Konvention von Istanbul" gegen jede Form von Gewalt an Frauen auch in Südtirol umzusetzen.

Oberhammer: Zahl der Gewaltsituationen in Südtirol "alarmierend"

Laut der Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit Ulrike Oberhammer wenden sich jedes Jahr 600 Südtirolerinnen an Frauenhäuser. Oberhammer hält diese Zahl an Gewaltsituationen für "alarmierend", die Dunkelziffer sei weit höher.
 
Besorgniserregend sei außerdem die gesellschaftliche Wahrnehmung der Gewalt gegen Frauen, so Oberhammer: Laut einer ISTAT-Umfrage zum Thema seien 23,9 Prozent der Befragten der Meinung sind, Frauen würden durch ihren Kleidungsstil einen sexuellen Übergriff provozieren. 15,1 Prozent geben den misshandelten Frauen eine Mitschuld, wenn diese bei der Tat betrunken waren.
 
Der Landesbeirat für Chancengleichheit will daher noch 2020 einen Gleichstellungsaktionsplan erarbeiten, in dem auch die schnelle Umsetzung der Ziele der Istanbul Konvention enthalten sind.
 
br
 

					

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