Viele Wölfe, wenig Rudel: Merkwürdigkeiten deuten auf Wolfwilderei hin

In den Alpen haben sich die Wölfe in 24 Monaten auf rund 900 verdreifacht. Auch in Südtirol sind so viele wie nie zuvor. Doch es gibt Merkwürdigkeiten. Bericht von Lukas Bertagnolli.

Noch immer sind nur fünf Rudel im Land, im Hochpustertal, in Welschnofen, Gadertal, am Deutschnonsberg und im inneren Ultental. Seit Jahren schon, allesamt in Grenzgebieten, kein einziges auf rein Südtiroler Territorium. Diese Rudel sind weg oder wurden zerschlagen.

Auch in Lüsen.

"So wie es gekommen ist, ist das Rudel auch wieder weg gewesen", sagt Günther Unterthiner, Direktor der Landesabteilung Forstwirtschaft. "Und das kann natürlich auch durch Wanderung begründet sein."

Oder aber Wilderei.

Denn es gibt Merkwürdigkeiten in der Entwicklung der Wolfspopulation in Südtirol. Die Wölfe sind im Jahr 2022 vor allem im Osten des Landes nachgewiesen worden. Im Passeiertal, im Sarntal und auf der orografisch linken Seite des Vinschgaus haben sich weder Rudel niedergelassen, noch wurden Einzeltiere nachgewiesen. Obwohl die Voraussetzungen gut wären für Wölfe, unter anderem mit viel Rotwild und Schafherden. 
 
Das Hochpustertaler Rudel findet gute Bedingungen, auf seinem Revier, 200 Quadratkilometer groß. Doch es wurden Fleischköder gefunden mit Gift, Glasscherben, Angelhaken. "Eine sehr grausame Methode", sagt Unterthiner. "Und wir hoffen natürlich nicht, dass solche Methoden bei uns Fuß fassen."

Deshalb geben Forstbeamte keine genauen Angaben, wo sich die Rendezvous-Plätze der Wolfsrudel befinden. Jährlich zerstören Wolfsgegner 15 bis 20 Fotofallen in Südtirol. Forstbeamte werden oft angefeindet. Die Bevölkung schweigt bei Wildereiverdacht. Überführte Wolfswilderer wurden in Italien bereits zu Haftstrafen von anderthalb Jahren verurteilt.

Es könnten weitere Urteile folgen. Denn die Wölfe werden nachweislich mehr. Laut dem Höheren Institut für Umweltschutz und Umweltforschung ISPRA hat sich die Zahl der Wölfe in den italienischen Alpen auf über 900 verdreifacht - innerhalb von zwei Jahren. Auch in Südtirol ist es der Abteilung Forstwirtschaft im vergangenen Jahr gelungen, 28 präsente Wölfe genetisch zu bestimmen - das sind so viele wie nie zuvor.

Es waren vor allem Einzeltiere, die in Südtirol Nutztiere gerissen haben, heißt es von den Experten im Amt für Jagd und Fischerei. In Villnöss und Gröden, schwer getroffen, jagte eine Wölfin. Sehr unauffällig dagegen ist das Rudel vom Deutschnonsberg. 

Würde man den Wolf gewähren lassen, sagte Wolfexperte Wotschikowsy über Südtirol, könnten bis zu 50 Rudel Platz finden. "Aber das lassen wir nicht gewähren." 

Günther Unterthiner sieht nur in einer komplexen Organisation der Südtiroler Almen mit mehr Hirten eine Schutzmöglichkeit vor dem Wolf. Der bislang gesetzlich festgeschriebene Herdenschutz sei kein wirksames Instrument.

Die Forstabteilung rechnet mit einem "sehr intensiven Wolfsjahr 2023".

Die Tiere kommen mittlerweile nicht nur aus dem Belluno und Trentino, sondern, erstmals nachgewiesen, auch vom Balkan. 500 mal haben Wölfe in Südtirol im vergangenen Jahr zugeschlagen. Heuer werden sie es voraussichtlich öfter tun.

(lb)